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Ein langer und steiniger Weg

Gedenkaktion für ehemalige jüdische Einwohner Gerolsteins: Der Kölner Künstler Gunter Demnig will "Stolpersteine" verlegen

Neuer Anlauf: Gemeinsam mit geschichtsbewussten Gerolsteinern will das "Forum Eine Welt" das aus anderen Städten bekannte Projekt "Stolpersteine" zum Gedenken an die ehemaligen jüdischen Mitbürger in der Brunnenstadt realisieren.

Von unserem Redakteur
Mario Hübner


 
 In vielen Städten gehören sie schon zum  Straßenbild: die „Stolpersteine“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig. In Gerolstein setzt sich das „Forum Eine Welt“ für die Gedenksteine ein.
Foto: dpa

Gerolstein. 2006 hat das Forum Eine Welt gemeinsam mit der Stadt Gerolstein einen Band zum Gedenken an die ehemaligen jüdischen Mitbürger veröffentlicht: "Gegen das Vergessen - Das Schicksal der Gerolsteiner Juden". Die Redaktion hatten Karl-Heinz Böffgen und Klaus Heller. Das Buch wurde in Anwesenheit einiger Zeitzeugen vorgestellt, das Interesse war sehr groß. Böffgen berichtet: "Weil die erste Auflage rasch vergriffen war, soll in Kürze die zweite Auflage gedruckt werden."

In dem Band ist die Geschichte der Gerolsteiner Juden dokumentiert, die 1943 abrupt endete, als die 23 verbliebenen Gerolsteiner Juden, die in 14 Häusern lebten, deportiert und dann in den Vernichtungslagern der Nazis ermordet wurden. In den Jahrzehnten zuvor waren es noch 60 Juden, die in Gerolstein lebten. Böffgen sagt: "Gerolstein hatte nach Wittlich die größte jüdische Gemeinde in der Eifel. Der Aufstieg der Stadt ab 1900 hat maßgeblich mit den Juden zu tun, die sehr zum Wohlergehen der Stadt beigetragen und sich darüber hinaus vor allem im sozial-karitativen Bereich engagiert haben."

Um das Gedenken an diese Gerolsteiner Bürger dauerhaft aufrecht zu erhalten, will das Forum Eine Welt nun ein zweites Projekt in Angriff nehmen: Ähnlich wie in vielen anderen Städten sollen auch in Gerolstein "Stolpersteine" mit den Namen der ehemaligen Bürger verlegt werden - idealerweise vor ihren früheren Wohnhäusern, die sich schwerpunktmäßig in der Hauptstraße befinden. Aber auch ein anderer Platz ist für die Initiatoren denkbar; "schließlich müssten sowohl die Stadt als auch die heutigen Hauseigentümer das wollen", erklärt Gisela Meyer vom Forum Eine Welt.

Weshalb diese Form des Gedenkens gewählt werden soll, begründet Karl-Heinz Böffgen so: "Die Zeitzeugen können das Gedenken ja nicht wach halten, da von ihnen kaum noch einer lebt." Zudem hat es den Initiatoren die Idee der Stolpersteine angetan. "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist", zitiert Christa Karoli den Kölner Künstler Gunter Demnig, der inzwischen in rund 300 Städten mehr als 12 000 Stolpersteine verlegt hat. Nach Wunsch des Forums soll er auch in Gerolstein tätig werden. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Das Forum Eine Welt will sogar bei der Stadtspitze eine "reservierte Haltung" ausgemacht haben. Stadtbürgermeister Karl-Heinz Schwartz (CDU) relativiert dies ein wenig. Eine generelle Ablehnung gebe es nicht. Er sagte auf TV-Anfrage: "Fakt ist: Wir haben ja schon Einiges zu diesem Thema getan. Dennoch: Wenn es jetzt ein weiteres Anliegen in dieser Hinsicht gibt, werden wir das zu gegebener Zeit in den entsprechenden Gremien behandeln." Schwartz sagt aber auch an die Adresse des Forums: "Das Thema Stolpersteine muss erst einmal gründlich aufgearbeitet werden, damit jeder weiß, worum es geht."

 

EXTRA

Die Idee der Stolpersteine geht auf den Kölner Künstler Gunter Demnig zurück. 1994 entwickelte er diese spezielle Form des Gedenkens. Auf den Steinen sind in eine Messingplatte der Name und der Jahrgang des jeweiligen Opfers, das Jahr der Deportation sowie Datum und Ort seines Todes beziehungsweise seiner Ermordung eingraviert. Die Stolpersteine, die pro Stück 95 Euro kosten, werden idealerweise in den Bürgersteig vor den Häusern eingelassen, in denen die Menschen vor ihrer Festnahme, Flucht oder Verschleppung gelebt haben. Die Kosten will das Forum Eine Welt übernehmen, indem es Paten für die Steine sucht. (mh)

 
Meinung

Interesse zeigen

Von Mario Hübner

Auf die oftmals im Zusammenhang mit dem Gedenken an die Gräueltaten der Nazis gestellte Frage, ob man sich damit auch heute noch beschäftigen müsse, gibt es nur eine Antwort: Ja! Die Begründungen sind vielfältig und weitreichend, daher soll es an dieser Stelle nur dabei belassen werden, dass es sich dabei um das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte handelt und es auch heute noch Personen gibt, die dies kleinzureden oder zu verharmlosen versuchen.

Von den Sympathisanten ganz zu schweigen. Dabei gibt es am kollektiven Massenmord, den unsere Vorfahren zu verantworten haben, nichts, aber auch gar nichts zu beschönigen.

Dieses Thema heute jedoch nur noch in der Schule zu behandeln, ist zu wenig. Und da die Zeitzeugen, die von dem Leid, das ihnen, ihren Familien, ihren Freunden und Mitmenschen angetan wurde, die Erinnerung bald nicht mehr weiter tragen können, erscheinen die Stolpersteine als eine gute, weil dauerhafte und ebenso zurückhaltende wie eindrucksvolle Alternative.

Daher sollte der Vorstoß des Forums Eine Welt bei der Stadt auf ein gebührendes Interesse stoßen. Denn es sollte auch nicht vergessen werden, welchen Beitrag die jüdischen Mitbürger für die Entwicklung Gerolsteins geleistet haben.

 m.huebner@volksfreund.de

Trierischer Volksfreund, 20./21. Dezember 2008